21. Tag - San Francisco
Schon früh krochen wir heute aus den Federn; schließlich hieß es ja, rechtzeitig am Fisherman’s Wharf zu sein, wo unsere gebuchte Fähre auf uns wartete. Wir spazierten also bei schönstem Wetter in Richtung der Anlegestelle, wo wir am Horizont schon unser heutiges Tagesziel erkennen konnten: Die Gefängnisinsel Alcatraz.
Um 09.15 Uhr bestiegen wir dann nach einigem Anstehen das Schiff der „Blue and Gold Fleet“, welches komplett ausgebucht war. Das Einsteigen dauerte denn auch eine Weile. Die Fähre fuhr uns dann unter ständigem Schaukeln hinüber auf die Insel, wo schon ein halbes Dutzend Park Ranger auf uns warteten.
Neben einem Schild, das den letzten Zweifelnden Auskunft darüber gab, wo man sich denn befände, wurde man über die umfangreichen Sicherheitsbestimmungen auf der Insel aufgeklärt.
Nach diesen wichtigen Instruktionen konnten wir zu Fuß die Insel erkunden. Unsere erste Station war eine Art kleines Kino, in dem ein Film über die Geschichte der Insel lief. Dieser Streifen war insofern recht interessant, da man gleich die wichtigsten Eckdaten über die Insel wusste.
Anschließend gingen wir hoch zum eigentlichen Zellentrakt. Beim Betreten wurde man mit einem Head-Set ausgerüstet, das einem in allen möglichen Sprachen das Gefängnis näher bringt. Wir wählten natürlich die deutsche Version und ließen uns dann von dem elektronischen Führer durch das Gebäude leiten. Diese „Audio-Tour“ würde ich übrigens jedem empfehlen, der die Insel besucht, denn nur durch die zahllosen Geschichten und Fakten, die einem hierdurch bekannt werden, erhält „The Rock“ seinen Reiz. Hauptattraktion der Insel ist selbstredend der Zellentrakt, in dem die Zellen ähnlich einer überdimensionierten Legebatterie angeordnet sind.
Wir schlenderten durch die Zellen und folgten dabei unserem virtuellen Guide. Einer der Haltepunke ist dabei eine nachgestellte Zelle mit der typischen Einrichtung, wie sie Anfang der 60er Jahre bestand. Die Gefangenen verbrachten darin etwa 22 bis 23 Stunden am Tag.
Wer sich nun insgeheim denkt „Oh Gott, das ist ja winzig – wie kann man es darin nur aushalten?“ und „Heutzutage gäbe es so etwas nicht mehr“, dem kann ich folgenden interessanten Fact präsentieren: Alcatraz ist zwar seit 1963 geschlossen, das am nächsten gelegene Bundesgefängnis, Leavenworth, ist aber nach wie vor existent. Die Zellen dort sind noch etwas kleiner als die auf Alcatraz; dafür sind sie aber mit zwei Insassen belegt (!). Einige Meter weiter erkannte ich eine Menschentraube vor einer anderen Zelle – offensichtlich war das der nächste Haltepunkt der Audio-Tour. Dort angekommen wurde mir der Grund für die Popularität ausgerechnet dieser einen Zelle bewusst: Es handelte sich um Zelle Nr. 181, die einst von „The Scarface“ Al Capone belegt war. Der Gangsterkönig von Chicago saß übrigens nicht wegen seiner zahllosen Kapitalverbrechen, darunter etliche Auftragsmorde, ein. Das einzige Vergehen, was ihm wegen seiner guten Kontakte in die Politik und Wirtschaft nachgewiesen werden konnte, war Steuerhinterziehung! Übrigens soll es sich bei Al Capone um einen ewigen Unruheherd und Quertreiber im Gefängnis gehandelt haben – u. a. weigerte er sich, Putzarbeiten auszuführen, weil das "unter seiner Würde" wäre...
Neben dem berühmtesten Häftling waren auf „The Rock“ die schlimmsten Schwerverbrecher eingesperrt, die die amerikanische Gesellschaft hervorbrachte. Vor allem jene Gangster, die in normalen Gefängnissen untragbar waren, weil sie selbst dort mit ihren Straftaten nicht aufhörten, wurden nach Alcatraz verlegt.
Nun gab es natürlich auch hier immer wieder Häftlinge, die sich Anordnungen widersetzten oder Unruhe stifteten. Hierfür gab es den Zellentrakt D – Isolations- und Dunkelhaft. Je nach dem Vergehen, das der Häftling auf Alcatraz begangen hatte, konnte diese von einigen Tagen bis hin zu Jahren (!) dauern. Hierbei wurde der Häftling bei völliger Dunkelheit 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche in die Zelle gesperrt – wie man so etwas aushalten kann, ist mir schleierhaft; ich hielt es schon nach zwei Minuten nicht mehr aus. Insgesamt mussten nur sehr wenige Häftlinge in "The Hole“, wie diese Zellen genannt wurden. Diejenigen, die längere Zeit darin verbringen mussten, vertrieben sich u. a. die Zeit damit, dass sie einen Knopf von ihrer Jacke abtrennten, im Dunkeln in die Luft warfen und versuchten, diesen wieder zu fangen bzw. zu suchen.
Das Wort „Alcatraz“ kommt übrigens aus dem Spanischen – ursprünglich hieß die Insel nämlich „La Isla de los alcatraces“ – Die Insel der Pelikane. Während der gesamten Zeit, in der das Gefängnis aktiv war, gab es nur einen mehr oder weniger erfolgreichen Ausbruchsversuch – Frank Morris und die Brüder John und Clarence Anglin schafften es, durch einen Versorgungsschacht auf das Dach des Gebäudes und anschließend von der Insel zu fliehen – allerdings wurden die drei nie mehr gesehen. Man vermutet, dass sie im etwa 8 Grad kalten Wasser ertranken – einige Wochen später ist auch in der Nähe der Golden Gate Bridge eine Leiche angespült worden; die Rechtsmedizin war aber damals noch nicht so weit, den völlig entstellten Leichnam einem der drei Ausbrecher zuzuordnen. Offiziell werden die drei Geflohenen aber auch heute noch mit Haftbefehl und ausgelobter Fangprämie gesucht – wer also einen der drei Verbrecher, die mittlerweile knapp 80 Jahre alt sein müssten, antrifft, kann sich schnell $100.000 verdienen...
Allgemein ist zu sagen, dass zwar die etwa 1,8 km Entfernung zum Festland auf den ersten Blick für einen guten Schwimmer kein Problem wären – das kalte Wasser lähmt aber nach einiger Zeit die Muskeln und nur wirklich Durchtrainierte können dann noch weiterschwimmen. Hinzu kommt, dass es sich bei der Bay ja eigentlich um ein gigantisches Flussdelta handelt, in dem starke Strömungen in Richtung Pazifik vorherrschen. Zudem hatte man auf Alcatraz eine ausgefeilte Taktik, um Ausbrüche zu verhindern: Aus den Duschen kam z. B. nur warmes Wasser, damit sich kein Insasse an das kalte Wasser der Bay gewöhnen konnte. Außerdem wurde man nicht müde, den Gefangenen von blutrünstigen Haien zu erzählen, die in der Bucht ihr Unwesen treiben sollen. Tatsächlich gibt es aber dort nur drei Hai-Arten, von denen eine harmloser als die andere ist...
Nach der Besichtigung der Gebäude sahen wir uns noch im Außenbereich um. Dabei wurde man auch von der Besetzung der Insel durch vier Indianer am 09.11.1969 informiert – die mittlerweile ungenutzten Gefängnisgebäude und der Felsen wurden von ihnen kurzerhand zu „Indianergebiet“ erklärt, um auf die Unterdrückung der Indianerstämme in den USA aufmerksam zu machen. Am 20.11.1969 folgten ihnen weitere 90 Indianer auf die Insel. Die Besetzung dauerte insgesamt 19 Monate, in denen immer wieder mit der Regierung verhandelt wurde und in denen -teils absichtlich, teils unabsichtlich- ein Gebäude nach dem anderen auf der Insel in Flammen aufging. Nachdem der Anführer der Indianer aber seine junge Tochter verlor, die beim Spielen vom Dach eines Gebäudes gefallen war und hierdurch tödlich verletzt wurde, verließ er freiwillig die Insel und die Revolte brach mehr und mehr auseinander, bis schließlich am 11.06.1971 die verbliebenen 11 Indianer durch US-Truppen verhaftet wurden, die die Insel erstürmt hatten.
Wir ließen uns noch vor der wunderschönen Skyline von San Francisco ablichten und fuhren dann wieder zurück. Während der Rückfahrt eröffnete sich uns ein schöner Blick auf die Golden Gate Bridge.
Das Wetter war mittlerweile sonnig und warm und wir aßen an den zahlreichen Seafood-Ständen des Fisherman’s Wharf zu Mittag. Für mich als Fischliebhaber war das Ganze wie im Paradies, und so testete ich eine Spezialität nach der anderen.
Mit einem Taxi fuhren wir dann zum Union Square – der heutige Tag sollte nämlich noch zum Shopping und Sightseeing genutzt werden. Vom Union Square aus spazierten wir erst einmal mehr oder weniger drauf los und trafen kurz darauf schon auf den Eingang zu Chinatown – übrigens eine der größten chinesischen Ansiedlungen außerhalb Asiens. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, man würde sich wirklich in China befinden.
In Chinatown stöberten wir dann in einigen Souvenirläden herum und staunten ein ums andere mal, wie viel verschiedenen überflüssigen Krimskrams sich die Menschheit einfallen lassen kann. Gottlob gab es auch noch normale Dinge wie Postkarten und Sweatshirts zu wirklich günstigen Preisen; und so fanden wir schließlich auch das ein oder andere Erinnerungsstück. Wirklich überrascht waren wir aber an einem größeren China-Restaurant, in dessen Eingangstür doch tatsächlich ein Schild mit der Aufschrift: „Man spricht deutsch“ hing – ich glaub’s nicht...!
Zurück am Union Square war nun Shopping angesagt. Der örtliche Ableger der Kaufhauskette „Macy*s“ ist hier gleich mit zwei getrennten Häusern für Damen und Herren vertreten, und so trennten wir uns für eine Stunde, um jeder für sich einkaufen zu können. Wir fanden schließlich auch das ein oder andere, und auch die anschließenden Besuche im nahen „Old Navy“, „Nordstrom“ und „Payless Shoe Store“ blieben nicht ohne Beute.
Da ein derartiger Beutezug über mehrere Stunden natürlich auch hungrig macht, statteten wir „Tad’s Steaks“ noch einen Besuch ab. Diese Selbstbedienungs-Steakhouse-Kette kannte ich schon von meiner Reise nach New York City im Jahr 2000 und erinnerte mich an ebenso schmackhafte wie preiswerte USDA Prime Rib Steaks. Ein eben solches verspeiste ich dann auch, während sich Claudia an einem Lachsfilet schadlos hielt.
Nach dem Essen war wieder mal Sportsbar-Time angesagt: Die Red Sox setzten ihren Siegeszug fort, besiegten die St. Louis Cardinals erneut und waren nur noch einen Sieg von der Sensation entfernt. In der Bar traf ich auf einen weiteren Deutschen, der gerade erst am selben Tag in San Francisco eingetroffen war und einige Wochen Praktikum machte. Wir plauderten ein wenig und ich erklärte ihm die aus seiner Sicht etwas eigenwilligen Regelungen mit dem Vorzeigen einer ID Card bei einer bloßen Bierbestellung.
Schön langsam wurden wir auch ein wenig melancholisch, schließlich handelte es sich um den letzten Abend unserer Reise – wo war bloß die Zeit geblieben? Wir schwelgten ein wenig in den Erinnerungen und Eindrücken der vergangenen Wochen und trösteten uns mit einigen Pints Molson Canadian. Gegen 23.30 Uhr ließen wir uns dann von einem Taxi zurück ins Hotel chauffieren.
22. Tag - San Francisco