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Der amerikanische Bürgerkrieg

Nachdem die noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit gefestigt hatten, dehnte sich die Nation schnell nach Westen und Süden aus. Nicht alle Territorien wurden gleich zu neuen Bundesstaaten, doch die Besiedelung bis zur Westküste nahm rasch Gestalt an. Es zeigte sich jedoch bereits in den 1830er Jahren, dass es erhebliche Meinungsunterschiede in wichtigen Fragen gab. Die Selbstbestimmung der Bundesstaaten war immer einer der wichtigsten Punkte bei der Unabhängigkeit der Kolonien gewesen. Jeder Versuch der Zentralregierung in Washington, die Rechte einzelner Staaten zu beschränken, wurde daher sehr ernst genommen. Freilich gab es große Unterschiede bei der Frage, was zu den Rechten einzelner Staaten gehörte und was nicht. Die Sklaverei war nach Meinung vieler Menschen in den nördlichen Bundesstaaten etwas, das prinzipiell abzulehnen sei. Im Süden hing man von diesem Wirtschaftssystem aber existenziell ab, da Sklavenhaltung die Basis der Landwirtschaft war. Im Norden hatte die zunehmende Industrialisierung für Wohlstand gesorgt. In der Folge ging die Schere zwischen den beiden Lagern immer weiter auseinander. Das empfindliche Gleichgewicht zwischen den Staaten wurde durch die Aufnahme neuer Bundesstaaten und dem Zustrom von Einwanderern immer wieder verschoben.

Sklaverei zunächst kein Hauptgrund

Der eigentliche Auslöser des Sezessionskriegs war der Austritt der Südstaaten aus der Union. Diese Abspaltung war eine direkte Reaktion auf die Wahl Abraham Lincolns zum 16. US-Präsidenten im Jahre 1860. Lincoln war der erste Republikaner im Amt und war letztlich auch der erste Präsident, der ermordet wurde. Sicherlich war die Frage der Sklaverei ein wichtiges Element bei der Auseinandersetzung; sie war aber entgegen der landläufigen Meinung nicht die hauptsächliche Triebfeder. So hatte selbst Abraham Lincoln zunächst nicht die Absicht, in diese Frage einzugreifen. Dort, wo die Sklaverei bei Gründung der USA bestanden hatte, sollte sie weiter bestehen. Hinzu kam, dass auch ein Teil der Nordstaaten durchaus noch Sklavenhaltung befürwortete und umsetzte. Da Lincoln diese Staaten nicht auch noch gegen die Union aufbringen wollte, wurde die Frage der Sklavenrechte zunächst nicht vorrangig behandelt. Nichtsdestotrotz wollten die Südstaaten sich nicht damit abfinden, dass die vom Norden dominierte Union immer tiefer gehende Entscheidungen traf, die nach Meinung der Südstaatler ihre Rechte beschnitten.

Verfassung der Vereinigten Staaten

Verfassung der Vereinigten Staaten ©iStockphoto/John Cooke

Die Konföderation

Während die Südstaaten argumentierten, dass sie mit dem Austritt aus der Union nichts anderes vollzogen als die Gründerväter im Jahr 1776 mit der Unabhängigkeitserklärung von England, wollte Lincoln die Vereinigten Staaten um jeden Preis als eine Nation erhalten. Er wusste, dass nach einer Abspaltung der Südstaaten das Gesicht des amerikanischen Kontinents für immer verändert werden würde. Historiker gehen davon aus, dass eine erfolgreiche Sezession vermutlich in einer Struktur geendet hätte, die der des heutigen Südamerika ähnlich gewesen wäre. Welche Auswirkungen eine solche Entwicklung vor allem in Hinblick auf die Weltkriege des 20. Jahrhunderts gehabt hätte, lässt sich erahnen. Der historische Weitblick Lincolns kann daher nicht hoch genug bewertet werden. Obwohl George Washington als Vater der USA gilt, sehen die meisten Fachleute Lincoln als den wichtigeren Präsidenten, da ohne ihn die USA nicht wirklich zu einer Nation geworden wären. Auch sprachlich ist dies zu spüren, denn vor dem Sezessionskrieg sagte man: „The United States are“, während es heute heißt: „The United States is“. Im Februar 1861 bildeten sechs Sklavenstaaten schließlich die „Confederate States of America“. Fünf weitere Staaten schlossen sich dieser Konföderation kurz darauf an. Präsident wurde Jefferson Davis, der von Richmond (Virginia) aus regierte.

Fort Sumter

Nach zahlreichen blutigen Vorfällen in den Jahren vor dem Sezessionskrieg brach der eigentliche Krieg am 12. April 1861 aus, als Truppen des Südens das von Unionstruppen gehaltene Fort Sumter im Hafen von Charleston (South Carolina) beschossen. Dieser Angriff markiert den Beginn der bis heute blutigsten kriegerischen Auseinandersetzung auf amerikanischem Boden. In keinem anderen Krieg hatten die Amerikaner bislang mehr Opfer zu beklagen. Nach der Kapitulation der Truppen in Fort Sumter ließ Abraham Lincoln umgehend ein Freiwilligenheer mit einer Stärke von 75.000 Mann aufstellen. Keine der beiden Seiten rechnete mit einem langen Krieg; die Südstaaten verpflichteten ihre Soldaten nur für ein Jahr, während man im Norden sogar nur drei Monate für den Krieg ansetzte.

Erste Erfolge für den Süden

Die Voraussetzungen für den Süden, den Krieg zu gewinnen, waren aus militärischer Sicht zunächst gar nicht schlecht. Die Konföderation verfügte über die besseren Befehlshaber und konnte eine große Zahl gut motivierter Soldaten aufstellen. Der Oberbefehlshaber der Truppen des Südens, General Robert E. Lee, galt schon zu Lebzeiten als Genie auf seinem Gebiet und wird bis heute von Militärexperten als einer der fähigsten Köpfe seiner Zeit betrachtet. Lee selbst sah die Sezession als verfassungswidrig an und war eigentlich ein Befürworter der Union. Da er aber selbst aus dem Süden stammte, folgte er dem Ruf der Heimat und kämpfte statt dessen für die Konföderation. Die ersten Schlachten brachten den Norden dann auch rasch an den Rand der Niederlage, da die Schlagkraft des Südens schlicht unterschätzt worden war. Je länger der Krieg jedoch dauerte, desto mehr konnte Abraham Lincoln die Vorteile des Nordens zu seinen Gunsten nutzen.

Die Eisenbahn wird zur Waffe

Durch den Mangel an Industrie war der Süden auf Nachschub aus dem Ausland angewiesen. Europäische Länder, die ein Interesse an der Destabilisierung der USA hatten, lieferten auch entsprechende Güter. Obwohl Königin Victoria zunächst die Neutralität Großbritanniens verkündete, kann festgestellt werden, dass England mit einer gewissen Freude auf den möglichen Zerfall der Union blickte. Um den Süden in die Knie zu zwingen, errichtete der Norden umfassende Seeblockaden und hoffte, den Kampfeswillen der Konföderation brechen zu können. Eine entscheidende Rolle beim schnellen Transport von Truppen und Nachschub spielte außerdem die Eisenbahn. Der amerikanische Bürgerkrieg gilt als erster „moderner“ Krieg, in dem hohe Beweglichkeit und Industrialisierung entscheidende Faktoren waren. Lincoln verstand es, das im Norden weitaus besser ausgebaute Schienennetz entsprechend zu nutzen. Seine Generäle enttäuschten jedoch zunächst. Die ersten Schlachten verliefen in keiner Weise zufriedenstellend. Lincoln verlangte einen eigenen „Robert E. Lee“ in seinen Reihen und kam schließlich auf Ulysses S. Grant, einem erfahrenen General, dem ein Alkoholproblem nachgesagt wird. Darauf angesprochen, soll Lincoln sinngemäß gesagt haben: „Wenn General Grant diese Ergebnisse zustande bringt, möchte ich seine bevorzugte Whiskeymarke wissen, damit ich meine anderen Generäle damit versorgen kann.“

Die Geburt einer echten Nation

Im Jahre 1863 kam die eigentliche Wende. Der Süden war durch die Blockade von See und am Mississippi stark geschwächt. Zudem verkündete Lincoln schließlich mit seiner Emanzipationserklärung das Ende der Sklaverei in allen Staaten. Militärisch wichtig war aber in erster Linie der Sieg der Union bei Gettysburg im Juli 1863. Die dortige Schlacht war die letzte Hoffnung der Konföderierten auf einen Sieg gegen den Norden. Dennoch dauerte es noch fast zwei weitere Jahre, bis der Krieg tatsächlich zu Ende ging. Dabei wurde die Auseinandersetzung immer brutaler. Neben gepanzerten Kanonenbooten auf dem Mississippi kamen auch erstmals in der Kriegsgeschichte einfache U-Boote zum Einsatz. Die Nordstaaten setzten schließlich auf einen Vernichtungskrieg, der dem Süden die Lebensgrundlage entziehen sollte, damit der Krieg nicht weiter fortgesetzt werden konnte. Dabei wurde auch erstmals die Zivilbevölkerung in den betroffenen Gebieten stark in Mitleidenschaft gezogen. Eine letzte Entscheidungsschlacht wurde um die Hauptstadt Richmond geführt, die zu einer Kapitulation des Südens auf diesem Kriegsschauplatz führte. Unwesentlich länger wurde noch auf anderen Schauplätzen auf See und im Westen gekämpft. Das endgültige Ende des amerikanischen Bürgerkriegs wurde am 23. Juni 1865 markiert. Präsident Lincoln hatte das Unmögliche geschafft und die Union bewahrt. Er selbst konnte den politischen Erfolg nicht mehr umsetzen, denn er fiel am 15. April 1865 der Kugel eines Attentäters zum Opfer. Die Folgen des Krieges waren noch über Jahrzehnte hinweg zu spüren. Obwohl die Wiedereingliederung der Südstaaten in die Union mit allen Rechten relativ rasch vollzogen und die Sklaverei endgültig abgeschafft wurde, blieben viele Probleme zwischen den Rassen bis weit ins 20. Jahrhundert bestehen. Dennoch gilt der Erfolg Lincolns als eigentliche Geburtsstunde der amerikanischen Nation.